Legami-Stift. Fehlerhilfe für Kinder

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Eine der tröstlichsten Metaphern, die Computer-Programme bereitstellen, ist und bleibt der Undo-Button. Aktionen komplett rückgängig machen und den vorherigen Zustand verlustfrei wieder herstellen zu können, wäre auch in der analogen Welt eine wunderbare Superkraft.

Die Gelschreiber der Firma Legami kommen diesem Ideal ziemlich nahe. Wer Kinder im Grundschulalter hat, dürfte die Stifte kennen – im Grunde sind es recht einfache, niedlich anzuschauende Teile, die in allerlei Designs daherkommen und sich entsprechend gut verkaufen. Gerade Kinder sind bekanntlich leidenschaftliche Sammler und Dinge-Anhäufer:innen, die sich hier bestens austoben können: Es gibt vor allem zahlreiche Tier-Motive, aber auch Special Editions, z. B. an Halloween, Weihnachten oder Ostern.

Die ästhetische Abwechslung hält das Begehren konstant, aber der eigentliche Clou liegt in ihrer Funktionalität. Strukturell sind sie verwandt mit Bleistiften, an deren hinterem Ende ein Radiergummi befestigt ist. Der Legami Stift wiederholt diese Form, übertrifft sie aber in ihrer Umsetzung. Er setzt die Idee, die im Bleistift eher als uneingelöstes Versprechen schlummert, tatsächlich um.

Beim Bleistift kann man – wenn man nicht äußerst zart auf das Papier geschrieben hat – immer noch erkennen, dass etwas ausradiert und überschrieben wurde (das gleiche gilt übrigens auch für Füller und Tintenkiller). Beim Legami-Stift lässt sich das Geschriebene nun wirklich spurlos entfernen; die Spitze drückt weder ins Papier, noch bleiben Rückstände von der Farbe übrig.

Der Computerwissenschaftler Jon Postel hat im Jahr 1981 den schönen Satz geprägt: »Sei konservativ in dem, was du tust; sei liberal in dem, was du von anderen akzeptierst.« Ex post folgt der Legami-Stift genau dieser Idee.

Schreiben zu lernen ist eine alte Technik – der Stift fügt ihr nichts grundlegend Neues hinzu. »Liberal« ist er insofern, als er im Unterschied zu anderen Hilfsmitteln den Schreiberwerbsprozess verzeihender gestaltet. Um es mit Jon Yablonski zu formulieren, bei dem ich den Satz gefunden habe und der Postels technisch gemeintes Gesetz auf die User Experience und humanzentriertes Design anwendet: „Menschen verhalten sich nicht wie Maschinen: Wir sind manchmal inkonsequent, häufig abgelenkt, gelegentlich fehleranfällig und in der Regel von Emotionen geleitet.“

Bei aller Kritik an den konsumsatorischen und disziplinarischen Fallstricken des Produkts ist die Kreation der Undo-Funktion im Medium analoger Schreibgeräte eine tolle Sache, die große psychologische Wirksamkeit entfaltet. Kinder dürfen draufloskritzeln, ohne Gefahr zu laufen, dass ihre früheren Fehler durchschimmern. Das ermutigt und bringt sie ins Tun.

Böse Zungen könnten natürlich behaupten, dass man doch besser die allgemeine Fehlerkultur ändern sollte. Wäre es nicht bedeutend hilfreicher, wenn niemand Angst vor der Sichtbarkeit eigener Fehler hätte, wenn aus ihr keine Nachteile entstünden? Na selbstverständlich. Da wir aber wohl noch lange nicht so weit sind, kann Design an der ein oder anderen Stelle zumindest dabei helfen, etwas unbeschadeter durch die Kontrollen zu kommen.