Zigaretten auf Netflix

Ich habe viele Jahre erfolgreich geraucht und bin mit dem Nichtrauchen nur aus Gründen der reinen Vernunft zufrieden. Mein Wunsch ist, genau jetzt auf den Balkon zu gehen, eine anzuzünden, ordnungsgemäß zu inhalieren und ins Nichts zu starren, im einfachsten Sinne jenes Werbespruchs aus den 80ern, der sich so wunderbar trotzig den gesundheitlichen Erkenntnissen entgegenstellte: »Ich rauche gern«.

Die Vorstellung, dass Rauchen etwas Schönes sein kann, ist der Öffentlichkeit abhanden gekommen. Das Gegenteil trifft zu: In Film und Fernsehen markieren Zigaretten die sie rauchenden Charaktere als zwielichtig, verrrucht, abseitig. So auch in der Miniserie »Black Doves«; Keira Knightleys Figur der klugen, wortgewandten, gutaussehenden und fürsorgenden Frau des britischen Außenministers ist nicht, was sie zu sein scheint – sondern eine Spionin, die ihren Mann nicht nur beruflich, sondern auch sexuell und emotional hintergeht. Eingeleitet wird das Zerbröseln ihres perfekten Bildes durch die Übergabe der Zigarette, die sie von ihrer Geheimdienst-Chefin – diese hinterhältigen Frauen! – bekommt.

Umso angenehmer, dass die Serie ihren Blick auf Kippen in den späteren Folgen revidiert. Zunächst in einer Rückblende, die den Beginn der Liebe zwischen zwei Figuren in einem Pub zeigt: Sam und Michael haben einen Beutel Tabak vor sich, drehen sich jeweils eine, erkennen einander. Der Erste geht raus, der Zweite folgt. Mehr muss nicht gezeigt werden. Der allerhellste Leuchtturm der Rauchenden: ab in die Ecke der Aussätzigen, zusammenstehen, qualmen und reden, alles Weitere ergibt sich.

Und wenn der Tag einige Tote gesehen gesehen hat, darf man sich, müde und ausgelaugt, perzend auf den Badewannrand zurückziehen. In diesem Sinne erzählte eine befreundete Kamerafrau neulich, dass sie nur bei Dreharbeiten raucht – würde sie das nicht tun, kämen in den Pausen alle möglichen Leute zu ihr, die irgendetwas wollen. Hat sie aber eine Kippe in der Hand, wird sie in Ruhe gelassen.

Heißt: Rauchen ist als »Tätigkeit« anerkannt – was in einer arbeitsfixierten Welt keine kleine Sache ist. Der/die Raucher:in ist ein Bild, das man vielleicht verachtet, aber immerhin nicht stört. Die Kippe ist ein Zauberstab, der einen Bannkreis zieht. Raucher:innen sind jederzeit eingeladen, in ihn einzutreten, während er die Nichtraucher auf Abstand hält.

Rauchen ist ein Tun, das niemandem dient, das auf den ersten Blick weder produktiv noch nützlich ist. Schon deswegen, abseits aller gesundheitlichen Aspekte, braucht sich niemand über das Verschwinden der Zigarette aus der Welt der operativen Vernunft wundern. Die Nichtraucher:innen beschweren sich, dass die dampfenden Kolleg:innen mehr Pausenzeit haben – die positiven Effekte eines früheren Todes auf die Rentenkasse spielen da keine Rolle (hat das eigentlich schonmal jemand gegen die Kosten der Krankenkassen gerechnet?).

Die Produktivität von Raucherecken wurde ja schon immer unterschätzt – meist von denen, die nie drinstanden. Mit leichter Melancholie darf man festhalten, dass hinterrücks eine weitere, vormals akzeptierte Auszeit verloren gegangen ist.

Drink?
– Yes, please.